Ausschnitt aus der Eröffnungsrede
von Dr. Erwin Keefer

Das Gefühl, in einer ewigen Baustelle zuhause zu sein, ist mir als Stuttgarter eigen und in Fleisch und Blut übergegangen. Man sagt ja, jede Stadt zeige ihre Geschichte und auch ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten in ihrem Straßenbild. So gesehen, wäre Stuttgart ohne den allgegenwärtigen Sound der Abrissbirne, ohne die Baukräne als Markenzeichen des scheinbaren Fortschritts nicht meine Stadt.

Indem Alain Thiriet die an sich triviale Anhäufung von immer gleichen Verkehrszeichen gekonnt in einzelne, für sich stehende Motive zerlegt, auf seinen rot-weißen Stadtspaziergängen gezielt momentane Situationen und Installationen aus der Flut des Vorhandenen heraushebt, gewinnt er der neuen Baustellenwelt und all dem Ärger, all der Hässlichkeit, der Unzufriedenheit und Ohnmacht über ihren scheinbaren Ewigkeitscharakter seltene Momente der Leichtigkeit und leisen Ironie ab.

Bake und Schranke in ihren Signalfarben sind bei ihm die Helden des Bildes, durch Freistellung noch besonders herausgehoben aus ihrer ansonsten schwarz-weiß gehaltenen Umgebung.

Diese Kompositionen sind oft doppel- gar mehrdeutig, gar mit einem Blick für das Absurde. Jede Aufnahme erhält so einen ganz individuellen, eigenen Erzählcharakter. Mit dieser Fokussierung gelingt Alain Thiriet eine überraschend lebendige und neue Erzählung dieses spezifischen Stuttgarter Alltags.

[Ausschnitte aus der Eröffnungsrede von Dr. Erwin Keefer, April 2026]